Geschäftsführer sollten ein grundlegendes Verständnis von KI und LLMs entwickeln, um fundierte Entscheidungen zu treffen. Wichtige Punkte sind die klare Definition von Anwendungsfällen, das eigene Experimentieren mit KI-Tools und die Förderung von Teamkompetenzen. Die Führungskraft muss die Ergebnisse der KI einordnen und Feedback geben, um die Technologie effektiv zu nutzen.
Eine Einladung zur Klarheit – für bessere Entscheidungen im Umgang mit KI
Einleitung: KI verstehen, bevor man entscheidet
Generative KI ist keine Zukunftsmusik mehr – sie ist längst Teil des operativen Geschäfts. Von Vertriebspräsentationen bis zur Teamkommunikation setzen Unternehmen bereits heute KI-Tools ein. Doch oft fehlt eine Strategie dahinter. Und genau das ist die Herausforderung für Geschäftsführer:innen: Wie lässt sich das Thema mit Weitblick führen – ohne Technikwissen, aber mit Verantwortungsbewusstsein?
Dieser Artikel zeigt an einem konkreten Coachingbeispiel, wie das gelingen kann – mit klarer Haltung, anwendungsnahen Methoden und praktischen Beispielen.
Ausgangslage: Ein neugieriger CEO will mehr als Spielerei
ChatGPT, Midjourney, Gemini – KI ist in aller Munde. Doch was heißt das konkret für dich als Geschäftsführer:in? Vielleicht leitest du ein mittelständisches Unternehmen, bist neugierig auf technologische Entwicklungen, hast aber wenig Zeit, dich in Details einzuarbeiten. Du willst wissen, was wirklich wichtig ist – nicht alles, aber das Entscheidende.
Diese Frage hat mich kürzlich in einer Session mit Sergej beschäftigt – einem international tätigen CEO, der erste Erfahrungen mit ChatGPT gemacht hatte, aber noch kein echtes Fundament aufgebaut hatte. Sein Anliegen war klar: Er wollte verstehen, worum es bei dieser Technologie wirklich geht – nicht, um selbst Programmierer zu werden, sondern um gute Entscheidungen treffen zu können. Für sein Unternehmen. Für sein Team. Und für sich selbst.
Denn genau das ist heute gefordert: Nicht jeder muss KI entwickeln – aber wer führt, sollte wissen, womit er es zu tun hat. In meinem Artikel "Verhandeln beginnt im Kopf" beschreibe ich, warum eine klare innere Haltung Voraussetzung für gute Gesprächsentscheidungen ist – das gilt auch für den Umgang mit KI.
Eine gute Einführung in das Thema KI und Sprachmodelle findest du auch in meinem Grundlagenartikel "Ausführliche Einführung in große Sprachmodelle (LLMs)". Gerade für Geschäftsführer:innen lohnt es sich, dieses technologische Grundverständnis aktiv aufzubauen.
Was ein Language Model ist – und was es nicht ist
Sergej hatte mit ChatGPT bereits erste Aufgaben ausprobiert: eine Stellenanzeige formulieren lassen, ein Rechnungsdesign reflektieren, ein paar Fragen zur Teamkommunikation gestellt. Und er war beeindruckt. Aber auch irritiert. Denn das System lieferte nicht immer die gleichen Antworten – und manchmal „skizzierte“ es Ergebnisse, die gut klangen, aber fachlich nicht stimmten.
Also haben wir es sortiert: Ein sogenanntes "Large Language Model" (LLM) wie ChatGPT ist kein klassisches Computerprogramm. Es folgt keinen festen Wenn-Dann-Befehlen, sondern arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Es sagt dir nicht, was "richtig" ist, sondern was plausibel klingt. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Ich erkläre das oft so: Wenn du ChatGPT eine Aufgabe gibst, dann versucht es, sie zu lösen – auch wenn es sie nicht verstanden hat. Es simuliert Verständnis – und das macht es so beeindruckend, aber auch so anfällig für Fehlinformationen.
Im Gespräch mit Sergej war mir wichtig, keine technischen Details abzufeuern, sondern Bilder zu nutzen, die an seine Lebenswelt anschließen. Ich habe zum Beispiel gesagt: "Du holst dir einen Programmierer und gibst ihm einen Hammer, damit er schraubt." Das hat ihn zum Lachen gebracht – aber auch verdeutlicht, warum es gerade im Führungskontext so entscheidend ist, zwischen Tool, Funktion und Strategie zu unterscheiden.
Ein zentrales Aha-Moment für Sergej war der Unterschied zwischen deterministischer Software wie Excel und probabilistischer Textgenerierung. Wir haben das live ausprobiert, indem wir den gleichen Prompt mehrmals eingegeben haben – mit leicht unterschiedlichen Ergebnissen. Dadurch konnte er nachvollziehen, was es heißt, dass ein LLM keine feste Antwort, sondern eine wahrscheinlich passende Formulierung generiert.
Beispiel aus dem Coaching
Wir haben den Prompt „Fasse meine Geschäftsidee in drei Sätzen für ein Investorenmeeting zusammen“ mehrfach formuliert – mal formell, mal emotional, mal in der Sprache von Marketing. ChatGPT lieferte jedes Mal andere Nuancen. Gemeinsam haben wir reflektiert, welcher Ton zur Zielgruppe passt – und was ihm als Sprecher entspricht.
In meinem Beitrag "KI-Systeme auf Abwegen" zeige ich anhand konkreter Beispiele, wie leicht Sprachmodelle mit gezielten Eingaben in die Irre geführt werden können – und warum es deshalb klare Erwartungen und eine kontrollierende Haltung braucht.
Wer noch tiefer in das Thema einsteigen will, dem empfehle ich Melanie Mitchells Buch – auch Sergej merkte im Coaching, wie hilfreich es ist, die theoretischen Hintergründe von KI zu kennen, um das Verhalten eines Systems besser einzuordnen. "Artificial Intelligence – Was sie kann & was uns erwartet" bietet einen gut lesbaren Überblick über den aktuellen Stand der KI-Forschung und räumt mit vielen populären Mythen auf. Ein weiterer Gewinn ist ihr differenzierter Blick auf die Grenzen und Potenziale sogenannter intelligenter Systeme. Eine ausführliche Besprechung findest du in meiner Buchreflexion zu Melanie Mitchells Werk hier.
Ergänzend dazu empfehle ich die kompakte Einführung "Introduction to Generative AI" von Numa Dhamani und Maggie Engler. Der Text eignet sich besonders für Einsteiger:innen, die den Unterschied zwischen regelbasierten Systemen und generativer KI verstehen wollen – anschaulich, aktuell und gut strukturiert. Meine kommentierte Zusammenfassung findest du hier.
Toolbox: Was du brauchst, um KI im Unternehmen zu führen
🛠️ Vier Orientierungspunkte für Geschäftsführer:innen:
- Ein klarer Use Case – z. B. bessere Kommunikation, effizientere Angebote, Prototypen schneller entwickeln
- Ein erster Selbstversuch – kein Delegieren an Externe: Nur wer selbst promptet, versteht die Möglichkeiten
- Ein Verständnis von Qualität – Was ist „gut genug“? Was muss geprüft werden?
- Ein Bild deiner Teamkompetenzen – Wer braucht welche Orientierung? Wer könnte als interne:r KI-Coach:in wirken?
Drei Fragen, die jede Geschäftsführung beantworten sollte
- Was will ich mit KI erreichen – konkret und realistisch?
- Was müssen meine Leute wissen – und in welcher Tiefe?
- Wie spreche ich mit potenziellen Anbietern auf Augenhöhe?
Wie du als Geschäftsführer das Thema KI führen kannst
Ich nutze gerne das Bild eines neuen Mitarbeitenden: Stell dir vor, ChatGPT ist jemand in deinem Team. Du gibst ihm Aufgaben. Er liefert Ergebnisse. Aber: Du musst sie einordnen. Du musst Feedback geben. Du musst erklären, was du brauchst. Genau das ist die Haltung, die heute zählt.
In der Session mit Sergej haben wir deshalb nicht nur über KI gesprochen, sondern auch über Führung. Ich habe ihn eingeladen, seine eigene Rolle im Unternehmen zu reflektieren: Was bedeutet es, wenn ein CEO mit einem System kommuniziert, das nicht versteht, aber überzeugt? Welche Art von Führungsverantwortung entsteht dadurch?
Um das zu konkretisieren, haben wir gemeinsam mit einem improvisierten Prompting-Dialog gearbeitet. Ich habe ihn ermutigt, selbst ein Szenario zu formulieren, das ihn im Alltag beschäftigt – z. B. eine knappe Präsentation vor Investoren. Gemeinsam haben wir dann in mehreren Iterationen getestet, wie ChatGPT auf unterschiedliche Input-Varianten reagiert. Dabei ging es nicht um „die perfekte Vorlage“, sondern darum, Sprachgefühl zu entwickeln und die Rolle von Kontext, Tonalität und Zielklarheit zu erleben.
Mehr dazu, wie du in Gesprächen mit digitalen oder menschlichen Gegenübern Führung übernimmst, findest du im Artikel "Souverän auftreten in Gesprächen".
Praktische Empfehlungen aus dem Coaching
- Erkenne das Ziel, nicht nur das Tool.
- Schaffe Klarheit im Team.
- Führe Dialoge mit Anbietern.
- Nutze die KI selbst.
Fazit & Einladung
KI wird bleiben. Aber wie du sie einsetzt, das bestimmst du. Und es macht einen Unterschied, ob du als Geschäftsführer Entscheidungen aus dem Bauch triffst – oder auf Basis eines fundierten Verständnisses.
Vielleicht stehst du gerade an einem ähnlichen Punkt wie Sergej. Dann lade ich dich ein: Fang an. Nicht technisch, sondern menschlich. Fang mit einem Gespräch an – mit deinem Team, mit deiner KI, mit dir selbst.
Reflexionsfragen
- Welches Ziel verfolgst du konkret mit KI in deinem Unternehmen?
- Welche drei Dinge sollten deine Führungskräfte über KI wissen, um gute Entscheidungen zu treffen?