Im zweiten Teil der Artikelreihe wird die Bedeutung von sprachlicher Führung im Remedial Coaching erläutert, einschließlich Techniken zur Zielklärung, kognitiver Reduktion und Strukturierung von Präsentationen. Praktische Ansätze wie das gezielte Unterbrechen, metakognitive Fragen und die Verwendung von Schreibaufgaben fördern Klarheit und Selbstwirksamkeit bei Coachees. Der Abschluss einer Sitzung sollte die Integration des Gelernten unterstützen und zur Eigenverantwortung anregen.
Einleitung
Willkommen zum zweiten Teil dieser Artikelreihe. Wenn du den ersten Teil gelesen hast, kennst du bereits Johann – und hast miterlebt, wie ich ihn in einer echten Coachingsitzung begleitet habe. Du konntest nachvollziehen, wie ich sprachlich führe, wann ich unterbreche, welche Fragen ich stelle und wie ich Richtung gebe, ohne zu dominieren.
In diesem zweiten Teil nehme ich dich mit hinter die Kulissen. Ich zeige dir, was meine Gesprächsführung methodisch fundiert. Du erfährst, warum ich in bestimmten Momenten wie reagiere, welche Modelle und Studien mich leiten – und wie du diese Impulse selbst für deine Coachingpraxis oder Führung nutzen kannst.
Für jedes der vier Kapitel aus dem ersten Teil findest du hier eine vertiefende Erläuterung. Ich integriere praxisnahe Beispiele, theoretische Hintergründe und fundiertes Wissen aus Coachingliteratur und Forschung. Mein Ziel ist es, dir nicht nur Einblick zu geben, sondern Anregung: zum Reflektieren, Weiterentwickeln und Ausprobieren.
Wenn du also tiefer einsteigen willst – in Sprache, Wirkung und Struktur im Coaching – dann ist dieser Artikel für dich.
Kapitel 1: Zielklärung – Sprachliche Führung und AIDA
Wenn ich mit einem Coachee wie Johann arbeite, merke ich schnell, wie entscheidend der Übergang von einem diffusen Anliegen zu einem klaren Ziel ist. Ein typisches Beispiel: Der Coachee sagt zu Beginn nur, dass er "irgendwie besser kommunizieren" möchte – ohne zu wissen, worin genau die Herausforderung liegt oder was er stattdessen erreichen will. In Momenten der Unsicherheit ist es meine Aufgabe, Fokus zu ermöglichen – nicht durch Druck, sondern durch sprachlich gezielte Führung. Genau hier setzt Remedial Coaching an: Ich unterbreche nicht, um zu dominieren, sondern um Orientierung zu geben.
Diese aktive Gesprächslenkung wird auch im Werk Developing Coaching Mindset and Skills von Cannon, Douglas und Butler aufgegriffen. Dort unterscheiden die Autor:innen zwischen einem „remedial coaching scenario“ (bei Leistungsproblemen) und einem „developmental coaching scenario“. In der erstgenannten Variante – wie bei Johann – braucht es klare, strukturierende Impulse, damit derdie Klientin überhaupt in eine selbstwirksame Denkbewegung kommt.
Mein Hinweis auf das AIDA-Modell (Aufmerksamkeit, Interesse, Verlangen, Aktion) ist dabei mehr als Rhetorik: In der Session mit Johann habe ich es genutzt, um seine Zielvorstellung sprachlich greifbar zu machen – vom vagen Wunsch, „gut rüberzukommen“, hin zur konkreten Wirkung: Aufmerksamkeit wecken, Interesse erzeugen, Verlangen nach Zusammenarbeit wecken und schließlich eine klare Handlungsabsicht auslösen – nämlich das Angebot zu erhalten. Es schafft eine narrative Struktur, die Johann sofort versteht und anwenden kann. Die zusätzliche Schreibübung (Ziel dreimal per Hand aufschreiben) greift eine Erkenntnis aus der Neuropsychologie auf – motorische Bewegung verstärkt mentale Verankerung.
Praktische Gesprächsführung: Unterbrechen als Einladung zur Klarheit
In der Arbeit mit Klient:innen, die sich schwer tun, ihre Anliegen zu formulieren, nutze ich das Unterbrechen nicht als Korrektur, sondern als Einladung zur Klarheit. Ein Beispiel:
„Entschuldige – darf ich dich kurz unterbrechen? Ich höre viele Details, aber ich habe das Gefühl, dein eigentliches Anliegen ist noch nicht ganz greifbar. Was ist dir am wichtigsten, dass wir heute erreichen?“
Solche Sätze sind bewusst weich gerahmt, aber inhaltlich klar. Ich baue kleine Pausen ein und nutze die Tonlage, um Präsenz zu zeigen. Es geht nicht darum, das Gespräch zu kontrollieren – sondern es in eine Bahn zu bringen, die für den Coachee erkennbar und gestaltbar wird.
Reflexive Fragen als Fokusverstärker
Ich arbeite gerne mit sogenannten metakognitiven Spiegelungen. Neben der Frage „Denkst du, du hast meine Frage beantwortet?“ nutze ich auch Formulierungen wie: „Was sagt dir deine erste Reaktion über dein eigentliches Anliegen?“ – solche Fragen bringen oft überraschende Tiefe ins Gespräch. Also Fragen, die dendie Klientin auffordern, über das eigene Denken nachzudenken. Eine bewährte Formulierung ist:
„Denkst du, du hast meine Frage beantwortet?“
Diese Frage erzeugt fast immer einen kurzen Moment der Irritation – und genau dieser Moment ist produktiv. Er öffnet eine Tür zu tieferer Reflexion. Ich formuliere diese Intervention bewusst ohne Bewertung. Der Tonfall bleibt unterstützend, nicht prüfend. Wenn derdie Klientin dann zurückgeht und neu antwortet, ist der Unterschied oft spürbar: fokussierter, klarer, motivierter.
Schreibaufgaben zur Verankerung
Die Übung, ein Ziel dreimal mit der Hand zu notieren, stammt aus einem Repertoire, das ich oft in lernpsychologisch sensiblen Phasen einsetze. Die Kombination aus kognitiver Zieldefinition und motorischer Bewegung (Schreiben) aktiviert mehrere Gehirnareale gleichzeitig. Studien zur Embodied Cognition – etwa in der Arbeit von Niedenthal oder Glenberg – zeigen, wie körperliche Handlung Denkprozesse verstärkt. Für Johann bedeutet das: Das Ziel „We want you“ wird nicht nur gedacht, sondern gespürt, verankert, aktiviert.
Fazit: Sprachliche Führung braucht Timing, Ton und Tiefe
Remedial Coaching in der Zielklärungsphase heißt für mich: Ich übernehme temporär die Steuerung – nicht um die Richtung vorzugeben, sondern um den Weg begehbar zu machen. Ich frage, fokussiere, rahme und gebe demder Klientin so die Möglichkeit, sich selbst neu auszurichten.
Wenn du selbst in Gesprächen führst – sei es als Coach oder als Führungskraft –, kannst du diese Techniken adaptieren:
- Stelle Fragen, die zur Metareflexion einladen.
- Nutze Unterbrechungen nicht als Stopp, sondern als Angebot zur Neuorientierung.
- Und gib gerne auch kleine Aufgaben mit – zum Denken, zum Schreiben, zum Verankern.
So wird Sprache zu einem Werkzeug, das nicht nur klärt, sondern stärkt – wie ein innerer Kompass, der Orientierung gibt, ohne die Richtung vorzuschreiben.
Kapitel 2: Schlüsselpunkte definieren – Kognitive Reduktion und semantische Präzision
Drei Begriffe. Ein Wort pro Botschaft. Drei, weil diese Anzahl kognitiv gut verarbeitbar ist: Sie wirkt vollständig, bleibt aber übersichtlich – ein Prinzip, das sich auch in vielen rhetorischen und didaktischen Modellen wiederfindet. Das wirkt auf den ersten Blick fast zu einfach – doch in der Praxis ist es ein hochwirksames Mittel, um Klarheit und Fokus zu erzeugen. Wenn ein Coachee wie Johann noch stark im Denken und Zweifeln verhaftet ist, führt ihn diese Übung aus der Komplexität in die Essenz.
In der kognitiven Linguistik – etwa bei George Lakoff – wird beschrieben, wie einzelne Begriffe ganze Bedeutungsräume aktivieren. Ein Wort wie „Strategie“ ruft im Kopf sofort Assoziationen hervor: Analyse, Planung, Weitblick. Diese semantische Verdichtung mache ich mir im Coaching zunutze.
Der nächste Schritt, aus dem Ein-Wort-Impuls einen konkreten Satz zu bilden, ist ein bewusst gesetzter Übergang: vom Schlagwort zur Aussage. Johann formuliert dabei nicht nur Argumente – er formuliert sich selbst. Und genau das ist das Ziel.
Praktische Gesprächsführung: Begrenzung schafft Fokus
Ein typischer Dialogmoment in dieser Phase:
„Gib mir drei Begriffe – nur ein Wort pro Punkt. Was sollen die Zuhörenden nach deiner Präsentation über dich wissen?“
Diese Formulierung ist absichtlich restriktiv – und genau das erzeugt bei vielen Coachees zunächst Irritation, dann aber häufig spürbare Erleichterung. Die klare Begrenzung gibt Sicherheit, weil sie Orientierung schafft und die Angst vor dem "richtigen" Ausdruck reduziert.. Sie zwingt zur Entscheidung – und das wiederum bringt Klarheit. Wenn ich merke, dass derdie Klientin sich schwer tut, gebe ich manchmal Beispiele vor, ohne inhaltlich zu lenken:
„Zum Beispiel sowas wie ‚Verantwortung‘, ‚Daten‘ oder ‚Zusammenarbeit‘ – aber nimm bitte deine eigenen.“
So bleibt die Verantwortung beim Coachee, aber ich senke die Schwelle zur Antwort.
Vom Begriff zum Satz: Konkretisierung durch Sprache
Ist der Begriff einmal benannt, leite ich mit einer einfachen Anweisung weiter:
„Mach daraus einen kurzen Satz. Was bedeutet dieser Punkt für dich?“
Dieser Übergang ist entscheidend. Ein Ein-Wort-Begriff wirkt oft abstrakt. Die Satzbildung bringt ihn in den Kontext. Beispiel:
- Aus „Strategie“ wird: „Ich denke strategisch über Daten nach, um Zusammenhänge sichtbar zu machen.“
- Aus „Zusammenarbeit“ wird: „Ich bringe Teams dazu, Initiativen gemeinsam umzusetzen.“
Ich höre hier genau auf Sprache, Rhythmus und Selbstbild – wenn jemand zum Beispiel sagt: „Ich bin stark in Strategie“, frage ich zurück: „Was genau macht deine strategische Stärke für andere erlebbar?“ oder spiegele zurück: „Du beschreibst dich als vorausschauend und vernetzt – trifft das?“ – und gebe bei Bedarf kleine sprachliche Impulse zurück.
Der psychologische Effekt: Sprachliche Verdichtung als Identitätsarbeit
Diese Phase ist mehr als inhaltliche Vorbereitung. Sie ist – im besten Fall – eine Arbeit an der Selbstpositionierung. Der Coachee erkennt: „Das bin ich – das bringe ich mit – das will ich zeigen.“ Die Methode ähnelt der Appreciative Inquiry, wie sie White & Barnett in ihrem Coaching-Modell beschreiben: Stärken werden sichtbar, weil sie präzise benannt werden.
Diese Fokussierung entlastet. Sie nimmt die Angst vor zu vielen Optionen und richtet die Energie auf drei klar definierte Wirkungspunkte. Eine Coachee formulierte es einmal so: „Endlich weiß ich, worauf ich hinauswill – vorher war alles ein Gedankenwirrwarr.“ Sie nimmt die Angst vor zu vielen Optionen und richtet die Energie auf drei klar definierte Wirkungspunkte. Für viele Coachees entsteht dabei das erste Mal das Gefühl: „Ich weiß jetzt, was ich sagen will.“
Fazit: Aus Worten werden Aussagen – aus Aussagen Wirkung
In dieser Phase des Remedial Coachings steuere ich bewusst mit Sprache. Ich begrenze, um Tiefe zu erzeugen. Ich verdichte, um Klarheit zu schaffen. Und ich lade dazu ein, sich selbst zu hören – nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gefühl.
Wenn du in deiner Praxis ähnliche Momente erlebst, probiere die Ein-Wort-Technik aus. Nutze sie, um Orientierung zu schaffen – nicht als rhetorische Übung, sondern als Mittel zur Selbsterkenntnis. Und hilf dem Gegenüber dann, diese Worte in Sprache zu verwandeln.
Denn Coaching heißt auch: jemandem helfen, die eigene Geschichte zu erzählen – nicht bloß Informationen zu liefern, sondern Bedeutung zu formen, die berührt und verbindet – mit Mut, mit Klarheit, mit Wirkung.
Kapitel 3: Strukturierung der Präsentation – Klarheit, Präsenz und Selbstwirksamkeit
In der Coaching-Arbeit mit Präsentationsthemen kommt oft der Moment, in dem die Ideen zwar da sind, aber die Ordnung fehlt. Genau hier setze ich an: Ich gebe Struktur vor, nicht als Zwang, sondern als Entlastung. Für Johann war die 5-10-15-Regel sofort nachvollziehbar: Sie passte gut zu seiner inhaltlichen Gliederung und half ihm, seinen eher umfangreichen Stoff in klare Abschnitte zu bringen – besonders im Hinblick auf ein Publikum, das analytisch denkt und strukturierte Argumentation erwartet. 5 Minuten Strategie, 10 Minuten Zusammenarbeit, 15 Minuten Expertise. Dieser einfache Rahmen wird zum inneren Kompass.
Das Konzept erinnert an das Appreciative Coaching Model von White und Barnett. Sie beschreiben, wie Struktur und positive Rahmung gemeinsam wirken: Klarheit entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Einladung zu zielgerichtetem Handeln. Diese Form der Strukturierung erhöht die Selbstwirksamkeit – weil der*die Coachee sich plötzlich orientieren kann.
Praktische Gesprächsführung: Struktur vorschlagen – nicht aufdrängen
Ein typischer Coaching-Moment in dieser Phase:
„Du hast 30 Minuten – wie wäre es mit: 5 Minuten Strategie, 10 Zusammenarbeit, 15 Expertise? So hast du eine klare Zeitlogik.“
Ich frage dann meist:
„Wie fühlt sich diese Struktur für dich an? Was würdest du anders gewichten?“
Diese Anschlussfrage ist entscheidend. Sie signalisiert: Du darfst anpassen. Es geht nicht um mein Modell, sondern um deinen Weg.
Wenn ich merke, dass der*die Coachee unsicher ist, biete ich Visualisierungshilfen an – zum Beispiel das Zeichnen eines einfachen Ablaufplans: ein horizontaler Zeitstrahl mit markierten Abschnitten (z. B. „Einleitung“, „Schlüsselbotschaften“, „Abschluss“), unterteilt nach Minuten. Das macht die geplante Struktur auf einen Blick sichtbar und reduziert Unsicherheit. – z. B. das Zeichnen eines Zeitstrahls oder eines Ablaufplans auf Papier. Das hilft, abstrakte Abläufe greifbar zu machen.
Weniger ist mehr: Folien, Präsenz und Aufmerksamkeit
Viele Coachees neigen dazu, zu viele Folien vorzubereiten – aus dem Wunsch heraus, kompetent zu wirken. Doch oft bewirkt das Gegenteil: Die Folien lenken ab, der Mensch dahinter tritt zurück. Deshalb bringe ich das Gespräch auf Präsenz:
„Wenn du sprichst – willst du, dass sie dich sehen oder deine Folien?“
Ich empfehle maximal fünf Folien oder eine gut gestaltete Mindmap. Mindmaps eignen sich besonders für visuelle Denker:innen. Eine typische Mindmap beginnt mit dem zentralen Thema in der Mitte – z. B. "Meine Bewerbung" – und verzweigt sich in Hauptbereiche wie "Strategie", "Zusammenarbeit" und "Expertise", von denen jeweils Unterpunkte abzweigen, die Inhalte oder Beispiele enthalten.. Sie sind flexibel, offen und lassen Raum für Interaktion.
Die Entscheidung für die Mindmap kommt oft aus dem Coachee selbst, wenn ich frage:
„Wie arbeitest du lieber – linear oder eher frei, verknüpfend?“
So leite ich die Struktur nicht von außen her, sondern binde sie an den Denkstil des Gegenübers.
Proaktive Kommunikation mit dem Umfeld
Ein wichtiger Schritt, den ich oft einbaue, ist der Transfer der Struktur in die Kommunikation mit HR oder anderen Stakeholdern. Beispiel:
„Frag nach: ‚Was kann ich vorbereiten, damit Sie leicht entscheiden können, dass ich die richtige Wahl bin?‘“
Diese Art der Frage ist strategisch klug. Eine weitere Möglichkeit wäre: „Was wäre für Sie in der Präsentation besonders wichtig zu hören?“ – so wird das Gegenüber direkt eingebunden und du signalisierst Bereitschaft zur Passung. Sie öffnet Gesprächsräume, zeigt Eigeninitiative – und ermöglicht, die Erwartungen frühzeitig zu klären. Barner (The Targeted Assessment Coaching Interview) beschreibt diese Technik als Teil einer individualisierten Vorbereitung, die Übergänge zwischen Coaching und Anwendung erleichtert.
Fazit: Struktur ist kein Korsett – sie ist ein Kompass
In dieser Phase des Remedial Coachings geht es nicht darum, Lösungen vorzugeben, sondern Orientierung zu ermöglichen. Durch klare Zeitrahmen, reduziertes Material und strategische Gesprächsführung wird der Coachee befähigt, sich sicher zu präsentieren – nicht nur inhaltlich, sondern auch mit Haltung.
Wenn du selbst Coach oder Trainer:in bist: Gib Struktur nicht als Dogma vor, sondern als Angebot. Beobachte, wie dein Gegenüber reagiert – und passe flexibel an. So entsteht ein Rahmen, der trägt, ohne einzuengen. Und genau das macht eine starke Präsentation möglich – wie ein sicherer Rahmen, in dem Wirkung sich entfalten kann: Klarheit im Inneren, Sicherheit im Außen.
Kapitel 4: Abschluss & Feedback – Integration und Zukunftsorientierung
Am Ende einer Coaching-Sitzung liegt oft der wichtigste Moment: die bewusste Integration. Es geht nicht nur darum, was im Gespräch erarbeitet wurde, sondern darum, wie es beim Gegenüber ankommt, verarbeitet – und letztlich angewendet wird. Der Abschluss ist für mich ein Übergangsritual: vom Raum der Reflexion in die Welt der Umsetzung. Ich erinnere mich an eine Klientin, die nach einer intensiven Sitzung sagte: „Jetzt habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich wirklich weiß, was ich als Nächstes tun werde.“ – genau dieser Moment markiert für mich den Wechsel von Innenarbeit zu Handlung.
Ich frage daher fast immer:
„Was war heute hilfreich für dich?“
Diese scheinbar einfache Frage hat Tiefenwirkung. Sie zwingt nicht zur Rechtfertigung, sondern lädt zur Selbstbeobachtung ein. Derdie Klientin benennt, was für ihn*sie selbst wertvoll war – und beginnt dadurch, es innerlich zu festigen.
Praktische Gesprächsführung: Integration durch Rückspiegelung
In der Praxis nutze ich drei bewährte Fragen, um den Lerntransfer zu fördern:
- „Was war hilfreich?“ – schafft Raum für Rückblick.
- „Was nimmst du konkret mit?“ – bringt Erkenntnisse in Handlung.
- „Was möchtest du bis zum nächsten Mal ausprobiert haben?“ – gibt Zukunftsbezug.
Diese Dreierstruktur ist für mich ein kleiner Coaching-Abschluss-Kompass. Je nach Situation wähle ich bewusst auch nur einen oder zwei dieser Punkte – zum Beispiel, wenn wenig Zeit bleibt oder wenn der Fokus auf Reflexion statt auf Planung liegt. Ich nutze sie je nach Kontext komplett oder selektiv. Wichtig ist: Der Ton bleibt offen, unterstützend, nicht bewertend.
Feedback als Selbstwahrnehmung – nicht als Bewertung
Wenn ich Feedback einfordere, geht es mir nicht darum, meine eigene Arbeit zu bewerten – sondern darum, dem Coachee einen Resonanzraum zu geben. In der medizinischen Coaching-Studie von Klig et al. (2023) – und ganz ähnlich in meiner eigenen Praxis – zeigt sich, dass individuelle Reflexion und freiwilliges Feedback zentrale Bausteine für nachhaltige Entwicklung sind. Ich erinnere mich an einen Coachee, der nach unserer dritten Sitzung sagte: „Erst durch das Nachdenken danach habe ich gemerkt, wie viel sich schon verändert hat.“ wurde gezeigt, dass individuelle Reflexion und freiwilliges Feedback zentral für nachhaltige Entwicklung sind. Alle Teilnehmenden berichteten, dass das Coaching nicht nur ihre Leistung, sondern auch ihr Selbstbild gestärkt hat.
Ich frage z. B.:
„Was war der Moment, der heute am meisten bei dir ausgelöst hat?“
„Gab es etwas, das dich überrascht hat – im Positiven oder auch im Herausfordernden?“
Solche Fragen fördern nicht nur Bewusstheit, sondern auch Vertrauen – weil sie zeigen, dass jede Reaktion willkommen ist.
Einladung zur Fortsetzung – ohne Druck
Abschlüsse dürfen offen sein. Ich frage meist:
„Wie möchtest du weitermachen?“
„Wäre ein weiterer Termin für dich hilfreich?“
Wenn derdie Klientin nicht sicher ist, lasse ich Raum:
„Lass es ein bisschen sacken. Du kannst dich jederzeit melden, wenn du weitermachen willst.“
Diese Offenheit ist Teil meiner Haltung: Ich begleite, aber ich dränge nicht. Ich erinnere mich an einen Coachee, der nach zwei Wochen von sich aus eine Folgesitzung anfragte – mit den Worten: „Ich habe gemerkt, dass ich allein weiterkam, aber jetzt brauche ich wieder einen Impuls.“ Genau solche Momente zeigen mir, wie viel Kraft in einer offenen Einladung steckt. Der*die Coachee entscheidet, wann und wie der nächste Schritt kommt. Damit stärke ich die Eigenverantwortung – ein Kernprinzip im Remedial Coaching.
Fazit: Coaching endet nicht – es setzt Impulse
Der Abschluss eines Coachings ist kein Schlussstrich, sondern eine Startlinie. Durch gezielte Rückfragen, ehrliches Interesse und die Einladung zum Weiterdenken entsteht ein Raum, der weit über das Gespräch hinauswirkt.
Wenn du als Coach oder Trainer:in arbeitest, gestalte den Abschluss nicht als Ausstieg – sondern als Integration. Gib dem Gelernten Platz, gesehen zu werden. Und vertraue darauf, dass ein starker Abschluss oft der beste Anfang ist – wie ein Türöffner, der noch lange nach dem Gespräch wirkt.
Literaturliste zu Remedial Coaching, Sprache & Gesprächsführung
Fachliteratur zu Coaching-Methodik
- Cannon, D., Douglas, H., & Butler, B. Developing Coaching Mindset and Skills.
- Differenzierung von „remedial“ vs. „developmental coaching“ und Gesprächsführung in Problemsituationen.
- Barner, R. (2006). The Targeted Assessment Coaching Interview: Adapting the Coaching Interview for Different Coaching Situations.
- Coaching-Strategien für unterschiedliche Bedarfstypen, inklusive Remedial Coaching.
- White, J., & Barnett, R. (2014). A Five Step Model of Appreciative Coaching: A Positive Approach to Remediation.
- Fokus auf ressourcenorientierte Strategien zur Leistungsverbesserung in schwierigen Situationen.
- McKie, A., & Willis, M. (2023). Klig et al. – A pilot clinical skills coaching program to reimagine remediation.
- Coaching als Stigma-freie Alternative in der medizinischen Ausbildung.
- Whitmore, J. (2002). Coaching for Performance.
- Klassiker zu Coaching-Grundlagen, Zielorientierung und Sprachführung.
- Greif, S. (2017). Coaching und Beratung.
- Systematische Darstellung von Coaching-Wirkfaktoren und Gesprächsstrategien.
Psychologie & Lernen
- Glenberg, A. M., & Kaschak, M. P. (2002). Grounding Language in Action.
- Embodied Cognition: Verbindung von Sprache, Motorik und Lernen.
- Niedenthal, P. M. et al. (2005). Embodiment in attitudes, social perception, and emotion.
- Einfluss körperlicher Aktivität (z. B. Handschrift) auf Kognition und emotionale Verankerung.
- Kolb, D. A. (1984). Experiential Learning.
- Grundlagen zur Bedeutung von Reflexion, Erfahrung und Anwendung im Lernprozess.
Linguistik & Sprache als Werkzeug
- Lakoff, G. (1987). Women, Fire, and Dangerous Things: What Categories Reveal About the Mind.
- Bedeutungsrahmen (Frames), semantische Dichte und Kategorisierung im Denken.
- Searle, J. R. (1969). Speech Acts: An Essay in the Philosophy of Language.
- Grundlagen zur Wirkung sprachlicher Handlungen (z. B. Fragen, Bitten, Vorschläge) in Gesprächen.
- Schulz von Thun, F. (2001). Miteinander Reden (Mehrbändige Reihe).
- Modell der inneren Teamführung, Metakommunikation und situative Gesprächssteuerung.
Präsentation & Strukturierung
- Reynolds, G. (2008). Presentation Zen.
- Klare visuelle Kommunikation, Reduktion auf das Wesentliche, Präsenz statt PowerPoint.
- Duarte, N. (2010). Resonate: Present Visual Stories that Transform Audiences.
- Storytelling-Struktur und emotionale Wirkung in Präsentationen.